Eine sehr schmerzhafte Liste

Ich bin ein Listen-Typ, vielleicht kennt das ja jemand von euch: Listen sind so schön aussagekräftig und sortiert, ich mache am liebsten jeden Tag eine und gehe dabei natürlich vom gewichtigsten Punkt bis zum eher nebensächlichen. Da hätten wir die Liste mit meinen schlechten Eigenschaften und mit den guten, eine Liste mit Dingen, dich ich gerne rückgängig machen würde, mit Dingen, die ich gut gemacht habe, eine Liste mit den Träumen, die ich meistens träume und eine Auflistung der diesjährigen noch zu kreierenden Weihnachtsgeschenke. Eine meiner Listen liegt mir besonders am Herzen, nämlich die mit den Momenten oder Gedanken, die ich bis heute nicht verarbeitet habe. Hört sich jetzt ziemlich privat an, ist es auch. Aber es sind auch Dinge, die ich dringend loswerden möchte, aber keine passende Gelegenheit finde, dies zu tun. Sie erzählt eine Menge über mich und meine Gefühlswelt, und ich hoffe, dass manche von euch mich vielleicht danach ein wenig besser verstehen können. Ich fange mal mit Punkt Eins an:

Das Desinteresse meiner Freunde und Klassenkameraden, als ich für vier Monate in der Klinik war.

Ja, was soll ich sagen. Ersteinmal zu meinen ehemaligen Mitschülern: Natürlich wart ihr nie meine Babysitter, aber ist es nicht ziemlich auffällig, wenn jemand wochenlang nicht zum Unterricht erscheint?! Vielleicht mögt ihr mich nicht, aber dafür, dass einige von euch ständig auf "Wir sind alle so ein tolles Team und so harmoniesüchtig" gemacht haben, habt ihr bemerkenswert wenig Engagement gezeigt. Leute, ich habe ALLEINE gewohnt. Hätte ich mich umgebracht (daran habe ich aber nie gedacht!!), wäre das erst nach Wochen aufgefallen. Und dann will mal wieder niemand was bemerkt haben. Wenn ich in der Schule war, um Arbeiten nachzuschreiben (Ja, ihr hört richtig, ich bin nie zum Unterricht gegangen, aber habe alle Klausuren geschrieben!) haben ein oder zwei von euch mal gefragt, wo ich war. Was dachtet ihr denn, was ich sage?! "Ja also ich bin total depressiv und der Druck hier ist einfach so krass, da sitze ich lieber drei Wochen im Bad auf dem Boden, stimmts Honey?" oder was??! Erzählt man jemandem sowas, von dem man weiß, er interessiert sich sonst auch nicht für dich? Auch, als ich dann in der Klinik war, kam keine Rückmeldung. Die Ausrede "Wir wussten ja nicht, wo du warst" ist ziemlich schwach, man hätte ja mal fragen können, wa. Ich finde, ihr solltet den Begriff "KlassenGEMEINSCHAFT" noch einmal überdenken, aber vielleicht hab ich auch einfach zu viel von euch erwartet. Auf jeden Fall tut es mir Leid, wenn ihr euch jetzt angegriffen fühlt. Aber ganz herzlichen Dank an Isi, die es immer nur gut gemeint hat. Physik-Protokoll for life!

 Meine Freunde.. Ich habe wundervolle Freunde und -Überraschung!- sie sind alle ein wenig merkwürdig Da hätten wir natürlich zuerst Markus, meinen besten Freund. Du hast dich immer um mich gekümmert und baust mich ständig wieder auf, und ich hoffe, ich kann dir da ab und zu auch was zurückgeben. Nils, auf dich ist auch immer Verlass. Außer, du hast am Vorabend gesoffen. Robert, zu dir komme ich später nochmal, aber du bist mir auch so ne Maus. Johann. Martin, du Fetten. Anna, "heiße Russenbraut". Julia, die kleine Verrückte. Laura, meine Spinner-Yellow. Hoang, mein Tequila-Vater. Hanna, meine Seelenverwandte mit dem Riesen-Engagement für Alles und Jeden (außer Nazis). Damals auch noch Dennis, du hast ja auch ne Menge hinter dir.

Hanna (die im gleichen Ort gewohnt hat, in dem auch die Klinik war) und Julia (eher notgedrungen ;P) haben mich besucht, ein oder zwei Mal. Was ist mit euch anderen? Warum habt ihr nie angerufen? Warum mich nie besucht? Die Entfernung blablabla. Ich würde auch heute noch für euch bis nach Spanien trampen! Was denkt ihr denn, wie es da drinnen war? Habt ihr mich mal gefragt, wie es mir ging zwischen Drogensüchtigen, Suizid-Gefährdeten (und manchmal nicht nur "gefährdet", wenn ihr versteht, was ich meine.) und rücksichtslosen Asozialen, vollkommen ohne Privatsphäre und Input? Für eine Nacht durfte ich heim jedes WE, von Samstag auf Sonntag. Und da sagten mir doch echt manche, sie hätten keine ZEIT für mich. ICH hatte keine Zeit. ICH saß alleine da drinnen ohne Gesprächspartner. ICH habe euch angerufen, wenn ich (fast) jede Tag 1,5 Stunden (!!!) raus durfte und mein Handy bekommen hab. Dennis, auch wenn das ne schwierige Phase war ab April, was war denn die Monate vorher?! Gerade von DIR hab ich was Anderes erwartet. Klar, du hast mich eine Zeit lang angerufen, aber anscheinend war ich dir ja nicht soviel wert, als dass du mal gekommen wärst und geschaut hättest, wo ich überhaupt bin. Laura, du hast verfickte 6 km weit weg gewohnt, aber wenigstens haben wir uns ein Mal in der Stadt getroffen. Hoang, wir sind ja jetzt nicht soooo dicke, das is ok

90 Mal bin ich dort eingeschlafen, 91 Nächte hab ich da verbracht, mit Klinik-Bettwäsche und Suizid-Gefährdeten im Zimmer. Mit abgeschlossenen Fenstern und stündlicher Anwesenheits-Kontrolle durchs Personal. Mit einem Brief in der Hand und Flügeln im Herzen. Mit dem Kopf voller ungesagter Dinge und Füßen, die einfach nur rennen wollten. Wo wart ihr?

Ich versuche so sehr, euch keine Vorwürfe zu machen, wirklich. Ich versuche, euch zu verstehen und sage mir immer wieder, dass ihr Recht habt. Dass ihr euer Möglichstes getan habt. Aber ich bin enttäuscht. Mein Mund sagt, ihr könnt nichts dafür, mein Kopf, ihr habt mich allein gelassen. Es tut mir sehr weh, das einzusehen, denn ich liebe euch wirklich sehr und will nicht böse auf euch sein, aber ich bekomm dieses Gefühl nicht weg. Es tut mir wirklich Leid.

11.10.12 18:40

bisher 0 Kommentar(e)     TrackBack-URL

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)


 Smileys einfügen